Deltgen – en Escher Jong

von Frank Feitler/Kristof van Boven

Einer der berühmtesten Söhne der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas Esch im Süden von Luxemburg ist der Schauspieler Renè Deltgen. Er war 19 als er sein Land verließ, um in Köln Schauspiel zu studieren. Der „Escher Jong“, der auch Hochdeutsch erst einmal lernen musste, wurde schwindelerregend schnell von Publikum und Presse gefeiert für sein körperbetontes Spiel und seinen ungekünstelten Ton. Als die Nazis die Macht übernahmen, gehörte er zur ersten deutschen Schauspielergarde. Wie viele seiner Kollegen, verfing auch er sich in Goebbels Spinnennetz. Er wurde Staatsschauspieler von Hitlers Gnaden, vom Führer persönlich ernannt an seinem 50.Geburtstag.

Bei seinen Landsleuten fiel der Luxemburger deswegen in Ungnade. Empört über seine Unterschrift unter zwei Nazi-Manifeste, die die Luxemburger zum Anschluss an Deutschland aufforderten, verurteilten sie ihn nach dem Krieg als Kollaborateur und bürgerten ihn aus. In Deutschland setzte er seine Karriere dagegen völlig unbelastet fort.

Die in Deutschland erfolgreichen Luxemburger Schauspieler, André Jung und Luc Feit versuchen sich Deltgen, der sich auch nach seinem Prozess selbst nie zu den Vorwürfen geäußert hat, anzunähern und sich ein Bild zu machen vom Leben eines Künstlers in der Diktatur. Dabei erzählen sie von schwierigen Momenten im Leben ihres berühmten Kollegen, hinterfragen sein Handeln im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik. Viele Fragen, die man aktuell auch Künstlern aus Russland stellen könnte, können geklärt werden, bei anderen kommt man über Vermutungen nicht hinaus. Am Ende muss das Publikum entscheiden, wie es Deltgens Handeln bewertet.

Schauspieler und Kreativteam

Mit: Andrè Jung, Luc Feit

Regie: Ulrich Waller | Ausstattung: Raimund Bauer

Presse

„Ein überdimensionaler Reisekoffer steht auf der Bühne – wird er aufgeklappt, erscheint darin ein feines Garderobenzimmer: Deltgens Room. Und je öfter der ältere der beiden Schauspieler in den Schminkspiegel schaut, desto mehr verwandelt er sich in das Objekt der Recherche: eben in das René-Deltgen-Ich. André Jung spielt diesen Deltgen – eindrucksvoll formt er dessen Profile, auch die Masken. Luc Feit, ist derweil der ewige Angreifer. Aus Raimund Bauers Klappkoffer heraus (in den der alte Deltgen immer zurück flüchten kann) und mit viel dokumentarischem Film-Material, auf den Koffer projiziert, gelingt ein dichter kleiner Abend; und das Städtchen Esch, in diesem Jahr neben Kaunas in Litauen und Novi Sad in Serbien Kulturhauptstadt Europas, bekam ein Highlight noch vor Beginn des offiziellen Programms. Die Recherche um «En Escher Jong» erinnert an Kraft und Klarheit im Umgang mit Geschichte.“   Theater heute

Hamburg-Premiere

November 2022