WIR TRAUERN UM VOLKER LECHTENBRINK

„Die alte Zeder geht“

Den letzten Kontakt hatte ich mit Volker vor gut einer Woche.
Eva Mattes, Stephan Schad und ich saßen nach der Umbesetzungspremiere von „Love Letters“, das mit Lechtenbrink in der Rolle des Andrew Makepeace im 1.Corona-Herbst 2020 bei uns Premiere hatte. Er hatte sich lange noch eine gemeinsame Arbeit mit Eva Mattes gewünscht. Mit dem Lesedrama „Love Letters“ konnte ich ihm diesen Wunsch erfüllen. Nach nur vier Vorstellungen teilte mir Volker mit, daß ihn das doch zu sehr anstrengen würde. So bin ich von einem Dreh aus Berlin nach Hamburg geeilt, um seine vermutlich letzte Vorstellung zu sehen. Ich bin danach zu ihm in die Garderobe. Er saß an seinem angestammten Platz am Fenster, drehte sich um und stand auf, als würde er Haltung annehmen wollen.
„Uli, es ist komisch. Da wo Du jetzt stehst, stand Gustav Gründgens im Schauspielhaus vor ziemlich genau 60 Jahren nach meiner ersten Vorstellung und meinte: ‚Ich könnte mir vorstellen, daß Sie das auch mal beruflich machen.‘ Jetzt stehst Du da und ich muß Dir sagen, das war mein Abschied von der Bühne. Das fällt mir nicht leicht, aber es ist so.“ Wir hatten beide Tränen in den Augen und haben uns – nicht ganz corona-konform – umarmt.

Wir hatten ihm letzte Woche aus dem Cuneo eine Sms geschickt, daß wir an ihn denken, an „Love Letters“ und an das Alzheimer-Stück „Der Vater“, in dem Volker unvergesslich die Titelrolle und Schad seinen Schwiegersohn gespielt hatte.
Und Volker meldete sich keine 20 min später zurück: „ich wäre gerne bei euch…trinkt ein glas auf mich…liebste grüsse…die alte zeder“. Das war seine letzte Nachricht an mich. „Alte Zeder“ hat er sich mir gegenüber genannt, weil ihn die frühere Kultursenatorin Barbara Kisseler bei der Verleihung der Biermann-Rathjen-Medaille in ihrer Laudatio so betitelt hatte. Ich hatte ihm danach eine Nachricht mit der Anrede geschickt. Das hatte ihm so gefallen, daß er sie dann immer benutzt hat.
Der Vergleich mit diesem Baum trifft den Charakter von Volker ganz gut. Er war bodenständig, bescheiden, ein bißchen knorrig und treu. Wenn er sich einmal jemandem geöffnet hatte, blieb das.

Ich habe ihn kennengelernt durch Hannelore Hoger. Weil sich für die Rolle des erst im letzten Akt auftretenden Provinz-Bürgermeisters in Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ partout kein Kollege finden wollte, schlug Hannelore schließlich Volker vor. So haben wir das erste Mal telefoniert und es war ganz umkompliziert und kurze Zeit später stand Volker in unserer damaligen Probebühne direkt neben der neuen Flora auf der Bühne und versuchte – in der Rolle des leicht angetrunkenen Maire – Hogers Pariser Schriftstellerin das Handwerk des Schreibens zu erklären und er sang für sie, „Nathalie“ von Gilbert Becaud.
Noch vor dieser Arbeit und lange vor „Honig im Kopf“ hatte ich in Paris ein geniales Alzheimerstück gesehen „Der Vater“. Und ich hatte lange gesucht, wer diese Rolle spielen könnte. Nach dieser ersten Erfahrung war völlig klar, wer die ideale Besetzung war. Ich brauchte einen Komiker, der dieses Krankheitsschicksal nur begrenzt an sich heranläßt. In diesem Stück geht es auch um Deutungshoheit, denn Zeller läßt seine Titelfigur immer wieder fragen, wer denn die Realität nicht mehr richtig wahrnimmt. Ich oder die anderen? Ich hatte ihm kommentarlos das Stück in die Garderobe gelegt und Volker war sofort begeistert. Er hat diese Figur durch die verschiedenen Stadien dieser tückischen Krankheit bis zum Tod auf eine Weise gespielt, die bis heute immer noch nachhallt. Mit einer Durchlässigkeit, Diskretion und Würde, mit der er sich in der letzten Phase seines Lebens immer seinen Figuren angenähert hat. Seine Darstellung ist – auch in der Rückschau – absolut auf Augenhöhe mit der von Anthony Hopkins, der in der Verfilmung dafür einen Oskar bekommen hat.
Leider trafen uns in der Vorbereitung schon die ersten Boten von Volkers Erkrankung. Wir mußten die Proben abgebrechen und haben uns versprochen, daß wir das in jedem Fall zusammen machen. Und ein Jahr später war es dann soweit. Der Autor Florian Zeller war aus Paris angereist und begeistert. Volker war endgültig wieder zurückgekehrt in den Kreis der großen Charakterschauspieler seines Alters. Auch hier schloß sich ein Kreis, gehörte er doch in den frühen 60er Jahren in Hannover zu einem berühmten Ensemble von jungen Wilden, die das Theater erobern wollten, zusammen mit Barbara Nüsse, Marlen Diekhoff, Matthias Fuchs und Monika Bleibtreu, mit der er Romeo und Julia gespielt hatte.
„Große Freiheit Nr.7“ war dann ein Wunsch, den Volker an mich herangetragen hatte. Ich hatte noch die Bühnenfassung aus dem Operettenhaus mit Freddy Quinn im Kopf, die ich als damaliger taz-Kritiker komplett zerlegt hatte.
Wir haben uns dann wieder mehr am Drehbuch von Helmut Käutner orientiert und versucht die Figur von dieser „Hoppla jetzt komm ich“-Attitüde wegzu-kriegen. Und so hat Volker sich der Figur eher von der Seite des in einer St. Pauli- Kaschemme gestrandeten Sängers genähert und die berühmten Lieder aus dem Film ganz zu sich hergenommen und im Sound seiner unvergeßlichen Stimme interpretiert.
Nach einer sehr erfolgreichen , langen ersten Serie, schlug die Krankheit dann bei der 2.Serie wieder zu und beendete abrupt Volkers Seemannskarriere als Johnny Kröger. Daß er aus einer Bremer Familie stammend, bis zuletzt Werder Bremen-Fan war, haben wir ihm auf St. Pauli nicht nachgetragen.
Und noch ein Projekt, das sich heute fast ein bißchen wie sein Testament liest, trug er mit sich herum: Er wollte sich nochmal seiner „Schlagerzeit“, wie er das nannte, nähern. Denn das gehörte auch zu ihm, daß er keinerlei Berührungsängste mit der U-Kultur hatte. 1976 nahm er seine erste Platte („Der Macher“) auf, mit der er gleich in die Charts und bis in die ZDF-Hitparade kam. Er schrieb sogar einen Song für den European Song-Contest (der wurde 5.). Im Saarländischen Rundfunk bekam er eine eigene Talkshow „Live: Volker Lechtenbrink“, dann eine Musikshow „Lieder und Leute“. Bis 1989 veröffentlichte er über 11 LP`s, bevor er dann wieder hauptsächlich dem Theater zuwandte.
Wir haben uns dann oft getroffen in seiner Wohnung in der Gryphiusstraße – haben auf Whisky und harte Getränke verzichtet. Nur seine Zigarillos hat er bis zum Schluß nicht weggelegt – haben Liedlisten verglichen, um rauszukriegen, welchen seiner vielen Songs er nochmal gerne singen würde. Zu jedem Lied wollte er eine Geschichte erzählen, über seinen Vater, dem er so verbunden war und auch über die anglo-amerikanischen Textdichter wie Kris Kristofferson, die er kongenial ins Deutsche übertragen hatte.

Im Februar 2019 kam der Abend unter dem Titel „Kommen Sie ruhig rein“ heraus, mit einem bunt gemischten Publikum von Theatergängern und Lechtenbrink-Fans, die schon damals seine Platten gekauft hatten. Und Volker saß inmitten des Hamburger Theaterorchesters unter Matthias Stötzel und genoß es, wieder mit Musikern zu arbeiten. Die letzte Serie konnte er wieder nicht ordentlich beenden. Denn dann kam Corona.
Im Sommer sah ich ihn nochmal bei der Verleihung des Gustav Gründgens-Preises, da stand er am Ende ganz allein auf der Bühne und man hatte den Eindruck, er schaute schon in eine ganz andere Welt.

Mit Lechtenbrink geht eine der großen Theaterpersönlichkeiten der Stadt. Ich werde den immer neugierigen Freund vermissen, seine Stimme, seinen Charme, sein Lächeln. Meine Gedanken sind bei Gül, seiner Frau und seiner Familie.

Tschüß, Du alte Zeder

Ulrich Waller

Volker Lechtenbrink © Kerstin Schomburg Abdruck bei Nennung des Fotografen honorarfrei
Volker Lechtenbrink
© Kerstin Schomburg
Abdruck bei Nennung des Fotografen honorarfrei
Große Freiheit Nr. 7 - Volker Lechtenbrink - © Oliver Fantitsch Abdruck bei Nennung des Fotografen honorarfrei
Große Freiheit Nr. 7 – Volker Lechtenbrink – © Oliver Fantitsch Abdruck bei Nennung des Fotografen honorarfrei
Der Vater - v.l.n.r.: Stephan Schad, Volker Lechtenbrink, Johanna Christine Gehlen - © Stefan Malzkorn
Der Vater – v.l.n.r.: Stephan Schad, Volker Lechtenbrink, Johanna Christine Gehlen – © Stefan Malzkorn
Der Vater - Volker Lechtenbrink - © Stefan Malzkorn
Der Vater – Volker Lechtenbrink – © Stefan Malzkorn