WIR TRAUERN UM UWE BOHM

Wir laden ein zu der Gedenkfeier für Uwe Bohm

– Texte, Lieder und Ausschnitte aus seiner Film- und Theaterarbeit –

Mit: Ulrich Tukur, Hannelore Hoger, Gustav Peter Wöhler, Eva Mattes, Brigitte Janner, Annett Renneberg, Josephin Busch, Ulrich Waller u.a.

Am Sonntag, den 29. Mai um 12 Uhr im St. Pauli Theater

Keine Anmeldung erforderlich.

Du bist kein Schauspieler, das ist das Tolle“
(Peter Zadek zu Uwe Bohm)

 „Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau`n
und einfach abzuhau`n“

Nachruf auf Uwe Bohm

Das erste Mal begegnet sind wir uns im Hamburger Schauspiel-haus, Ende 1984. Der argentinische Regisseur Augusto Fernandes hatte Uwe Bohm bei einem Vorsprechen entdeckt und ihn gleich als Kostja in der „Möwe“ besetzt als den jungen Dichter, der neue Formen für das Theater sucht. Und da stand er in der Kantine in der Kirchenallee, etwas fremdelnd mit dieser Schauspieler-Theaterwelt. Hannelore Hoger war im Stück seine Mutter Arkadina und hatte ihn, der keine Schauspielausbildung gemacht hatte, gleich bei der Hand genommen. Auf der Bühne war Uwe ein etwas ungelenkes, dafür aber hochenergetisches Bündel.

Dass Zadek, der kurze Zeit danach das Schauspielhaus übernahm, diesen Rohdiamant nicht übersehen konnte, war klar. Wenig später starrte einen in der ganzen Stadt der leicht vergrößerte Hintern von Uwe auf Helnweins Plakat zu Zadeks Rockmusical „Andi“ an, der Geschichte eines Hamburger Jungen aus Steilshoop, der mit seiner Gang den Stadtteil terrorisiert, bis ihn ein Kioskbesitzer abknallt.

Uwe war rollenmäßig wieder in dem Milieu gelandet, aus dem der als Uwe Enkelmann in Hamburg Wilhelmsburg geborene ursprünglich stammte. Sein Vater war Kranführer im Hamburger Hafen und Spion für die DDR, die Mutter Hausfrau und Trinkerin. Als der Vater ins Gefängnis muss, zerbricht die Ehe endgültig. Uwe gilt als verhaltensauffällig, kommt ins Heim und bricht die Schule ab. Hark Bohm entdeckt den 11-jährigen für seinen Fernsehfilm „Ich kann auch eine Arche bauen“. Richtig bekannt wird Uwe mit seinem ersten Kinofilm „Nordsee ist Mordsee“ in dem er einen 14-jährigen Ausreißer spielt, dessen Träume Udo Lindenberg mit einem Song beschreibt: „Ich träume oft davon ein Segelboot zu klaun/ und einfach abzuhau`n… Es muss doch irgendwo ´ne Gegend geben/ für`n richtig verschärftes Leben/ und da will ich jetzt hin.“

Diese Zeilen wurden zum Lebensmotto von Uwe Bohm, wie er sich jetzt nach der Adoption durch Hark Bohm nannte. Bei Zadek, zu dessen Familie er ab da gehörte, spielt Uwe große und kleinere Rollen. Bemerkenswert sein „Jack the Ripper“ in Zadeks legendärer „Lulu“, er folgt ihm nach Berlin ans BE und nach Wien ans Burgtheater. Und so kam Uwe auch 1998 an die Hamburger Kammerspiele, die Zadek sich ausgesucht hatte, um den Schocker
„Gesäubert“ von Sarah Kane zu inszenieren.

Uwe wurde als Fixer Graham schon nach drei Minuten von dem Leiter der Anstalt (gespielt von UIrich Mühe) umgebracht und geisterte fortan als Untoter mit seiner Schwester Grace mit der unvergessenen Susanne Lothar als inzestuöses, zwillingshaftes Geschwisterpaar durch das Stück. Ein zutiefst verstörender Auftritt.

Nochmal fast gesteigert zwei Jahre später bei „bash“ von Neill LaBute, als er zusammen mit Judith Engel ein Mormonen-Pärchen spielt, das im Plauderton in zwei gegeneinander verschnittenen Monologen von einem Klassentreffen in einem New Yorker Hotel erzählt, während dessen er in einer Toilette im Park brutal einen Schwulen umbringt und seiner Frau anschließend den der Leiche geraubten Ring als Geschenk mitbringt. Ohne Regung, lächelnd, eiskalt.

Uwe Bohm war durch die Jahre ein großer, unverwechselbarer, oft zerbrechlich wirkender Schauspieler geworden (sein Berliner „Peer Gynt“ mit Angela Winkler als Aase war ein großer Erfolg), dem immer noch der jungenhafte Charme im Gesicht stand, dem der Beruf aber immer irgendwie fremd blieb. Und genau das war seine Qualität, dass er sich diesen Blick von außen bewahrt hatte. Und dass er Figuren, Situationen nicht einfach herstellen konnte. Er musste sie – auf seine Weise – durchlebt haben.

Das führte bei Dennis McIntyres „Siegertypen“, unserer ersten gemeinsamen Arbeit auf der damaligen Probebühne im Bunker auf dem Heiligengeistfeld zu manchmal nicht enden wollenden Wiederholungen auf den Proben. Zusammen mit Ronald Zehrfeld und Stefanie Stappenbek spielte er einen durch einen Einsatz aus der Bahn geworfenen Feuerwehrmann, der in die Idylle eines Paares in der Nachbarschaft einbricht und so lange an der Oberfläche kratzt, bis die Fassade einstürzt und alle in den Abgrund gerissen werden. Er musste ganz körperlich die Erschöpfung spüren, in der dann alle am Ende waren. Er war ein Schauspieler, der nicht lügen konnte.

In Shelag Delaneys „Der bittere Honig“, den Zadek im St. Pauli Theater inszenierte, war er dann der Lover von Eva Mattes. Der vom Regisseur unbedingt gewollte Wiener Dialekt hat ihm dabei nicht wirklich geholfen. Da musste er plötzlich etwas spielen, was ihm fremd war.

Kurz vor Zadeks Tod versammelten sich Teile seiner Familie in Berlin, um Joseph Kesselrings Klassiker „Arsen und Spitzenhäubchen“ zu probieren und mittendrin Uwe in der Cary Grant-Rolle des Mortimer. Nochmal der Junge, der von allen geliebt werden will, dem aber langsam dämmert, dass er in ein Mörderhaus geraten ist und daran fast irre wird. Bis ihm seine vermeintlichen Tanten Abby und Martha (Eva Mattes und Angela Winkler) am Ende erklären, dass er gar nicht wirklich zur Familie gehört, weil er adoptiert wurde und somit gar kein echter „Brewster“ sei. Da hatte ihn das Thema Adoption wieder eingeholt, auch ein Muster seines Lebens, denn manchmal hatte man das Gefühl, dass Uwe sich nie ganz sicher war, ob er das Leben, in das er so unverhofft reingefallen war, überhaupt annehmen konnte oder durfte.

Bei „Arsen“ konnte man nochmal die große, auch komödiantische Energie von Uwe bewundern, mit der er diesen Abend vorantrieb. Elf Jahre lief die Aufführung, in Hamburg und Berlin und auf vielen Gastspielen. Und jedes Mal war es ein großes Familientreffen, bis ihn kurz vor der Pandemie eine Krankheit hinderte dabei zu sein.

In der Zwischenzeit hatte er viel Fernsehen gemacht, elf Mal war er der Bösewicht im „Tatort“, wenn nicht der Mörder, dann auf jeden Fall verdächtig. Aber Uwe träumte davon einmal der Kommissar zu sein.

Völlig undurchsichtig auch die Rolle des Bruders in Wilfried Minks Inszenierung „Die Waisen“ von Dennis Kelly. Wieder bricht er in eine gutbürgerliche Familie ein, gespielt von Judith Rosmair und Johann von Bülow. Blutüberströmt erzählt er zuerst eine Opfergeschichte, die sich dann in eine brutale Tätergeschichte verwandelt. Und mit seinem Charme schafft er es, dass seine Schwester und ihr Mann plötzlich auf seiner Seite sind und nicht zur Polizei gehen.

Mit „Tschick“ von Fatih Akin schloss sich ein Kreis. Diesmal war er der gewalttätige Vater eines Ausreißers, der mit einem geklauten Lada abhaut, der sich nicht für seinen Sohn interessiert. Der Fachwechsel ist ihm, dem ewigen Jungen, nicht leicht gefallen. Aber in der David Niven-Rolle als Raymond in Francoise Sagans „Bonjour tristesse“ war ihm auf den Ruhrfestspielen nochmal ein großer Erfolg gelungen. Ein fast altersloser Vater, der auch der Liebhaber seiner Tochter hätte sein können.

Am Ende hat ihn sein Herz, das immer so groß und voller Träume war, ganz überraschend im Stich gelassen.
Dieses etwas unsichere, charmante Lächeln im Gesicht wird uns in Erinnerung bleiben, und dieser nie ganz gestillte Hunger nach Leben. Wir werden ihn vermissen.

Tschüß Uwe

Wir sind in Gedanken bei seiner Frau Ninon und seinen Kindern.

Am Sonntag, den 29. Mai um 12 Uhr wird im St. Pauli Theater eine öffentliche Gedenkfeier stattfinden.

Ulrich Waller