Geschichte des St. Pauli Theaters

Am 30. Mai 1841 hebt sich das erste Mal der Vorhang des „Urania-Theaters“ auf der Reeperbahn. Das neue Theater (es hatte damals fast 1000 Plätze) ist von seinen Erbauern als repräsentatives Schauspielhaus der Vorstadt St. Pauli gedacht. Doch nur drei Jahre später ist es trotz großen Publikumszuspruchs fast schon wieder am Ende. Die Eigentümer gründen eine Aktiengesellschaft, mit deren Hilfe das Theater weitermachen kann. So wird am 23. Mai 1844 aus dem „Urania-Theater“ das „Actien-Theater“.

1863 wird das Haus versteigert.. Der neue Besitzer, Carl J.B. Wagner, übernimmt selbst die Direktion. Aus dem „Actien-Theater“ wird das „Varieté-Theater“. Wagner bringt als erster hamburgische Lokalstücke auf die Bühne. Das Hamburger Publikum ist begeistert und schließt das Haus am Spielbudenplatz endgültig in sein Herz. Liebevoll wird es – in Abwandlung des richtigen Namens – „Warmtee-Theater“ genannt. Für wenig Geld kann man sich hier einen Abend köstlich amüsieren. Das einfache Volk steht auf der „Prüüntje-Böhn“ (für Nichteingeweihte dem „Kautabak-Boden“), also im 2. Rang unterm Dach. Das Geschehen auf der Bühne wird nicht selten für bare Münze genommen, und lauthals wird sich bei passender und unpassender Gelegenheit in das Geschehen eingemischt.

Mit Ernst Drucker, der das Theater von 1884 bis 1918 führt, beginnt eine Blütezeit im nach ihm benannten Haus. Volksstücke in plattdeutscher Sprache werden jetzt fester Bestandteil des Spielplans. Den Sensationserfolg beschert ihm ein Udel der benachbarten Davidwache, der Polizeiwachtmann Julius Schölermann . Außerhalb seiner Dienstzeit hat er eine Lokalposse mit dem Titel „Familie Eggers oder eine Hamburger Fischfrau“ verfasst. Der Protagonist, Theodor Eggers, wird als „Thetje mit die Utsichten“ zu einer populären Hamburger Figur. Drucker wagt sich aber auch an anspruchsvollere Stoffe, 1898 geht hier die Hamburger Erstaufführung von Ibsens „Die Frau vom Meer“ über die Bühne; weitere Stücke von Ibsen und Hauptmann folgen.

Als Ernst Druckers 1921 stirbt, kauft Siegfried Simon, bis dahin Chef des Flora-Theaters am Schulterblatt, das Theater. Auch der neue Direktor hat ein Händchen für die richtigen Stücke und die zum Haus passenden Schauspieler und Autoren. Nach seinem frühen Tod 1924 übernimmt seine Frau, Anna Simon, die Leitung. Die legendäre „Zitronenjette“ von Paul Möhring betritt die Bühne – und mit insgesamt 859 Aufführungen wird sie einer der größten Erfolge in der Geschichte des Hauses.

Während der Ära Simon erhält das Ernst-Drucker-Theater auch seinen heutigen Namen. Als zur Feier des 100jährigen Bestehens 1941 eine Festschrift erscheint (mit Grußworten von Emmy Göring und Heinrich George), stößt den Nazis plötzlich auf, dass Ernst Drucker Jude war. Die Festschrift wird eingestampft und das Haus noch vor der Feier kurzerhand in „St. Pauli Theater“ umbenannt.

Im Januar 1970 wird wieder eine glanzvolle Premiere gefeiert werden kann. Und wieder ist es eine Familie, die das St. Pauli Theater durch die Klippen zwischen Kunst und Kommerz manövriert. Der Senior, Kurt Collien hat sich als erfolgreicher Konzertveranstalter und Theaterleiter seit den 30er Jahren einen Namen gemacht. Das Musical „Der Junge von St. Pauli“, mit Freddy Quinn in der Hauptrolle, wird gleich ein Hit. Nach wie vor amüsieren sich die Zuschauer über Schwänke und Volksstücke wie  „Perle Anna“ , die „Zitronenjette“ oder „Meister Annecker“ mit Publikumsliebling Henry Vahl.

Bis in die 80er Jahre ist das Haus am Spielbudenplatz mit niederdeutschem Mundarttheater erfolgreich. Doch die Zeiten ändern sich. Der Wechsel vollzieht sich mit Michael Collien, der frühzeitig erkennt, das eine zweite niederdeutsche Bühne neben dem Ohnsorg-Theater sich langfristig nicht halten kann. Er weicht auf Boulevardtheater mit Stars wie Elke Sommer, Gunther Philipp und Willy Millowitsch aus. Und erstmals wagt er sich auch an englischsprachige Produktionen wie „Scarlatti's Birthday Party“ oder „Little Shop of Horrors“, die die Hamburger begeistern.

Thomas Collien, die mittlerweile dritte Generation, bringt dann neue Formen der Unterhaltung, wie Comedy und Kabarett, sowie internationale Tanz- und Musikshows ins Haus. Produktionen wie „Le Quatuor“, „Gumboots“ oder „Lady Salsa“ feiern hier  Deutschland-Premiere.

2003 positioniert sich das Haus wieder einmal neu. Der Regisseur Ulrich Waller, der zusammen mit dem Schauspieler Ulrich Tukur acht Jahre lang erfolgreich die Kammerspiele geführt hat, wechselt zu Thomas Collien an den Spielbudenplatz. Der Neustart glückt - die beiden unterschiedlichen Theatermacher begeistern ihre Zuschauer nun in der zwölften Spielzeit.

© 2012 St. Pauli Theater Produktionsgesellschaft mbH  |  Kontakt  |  Impressum