Anspruchsvolles Theater auf dem Kiez

Das St. Pauli Theater ist nicht nur das älteste Privattheater der Stadt, sondern eines der ältesten Theater Deutschlands überhaupt. Das unter Denkmalschutz stehende Haus und der ebenfalls geschützte Zuschauerraum zeichnen sich durch seine besonders intime Atmosphäre aus. Nach einer knapp dreißigjährigen Epoche als fast reiner Gastspielbetrieb hat sich das Haus vor vier Jahren unter der Leitung von Thomas Collien und Ulrich Waller neu positioniert. Trotz eines schwierigen Umfelds - außerhalb der früheren Stadtmauern von Hamburg und Altona auf St. Pauli angesiedelt, muss es sich zwischen Eventgastronomie und erotischen Straßenangeboten behaupten – ist es zurückgekehrt in den Kreis der produzierenden Theater der Stadt.

Das St. Pauli Theater versteht sich heute als ein modernes Volkstheater, das mit Eigen- und Co-Produktionen sowie ausgesuchten Gastspielen versucht,  immer wieder auszuloten, wie intelligent Unterhaltung sein kann auf dieser Meile. Das mit der Spielzeit 2003/2004 begonnene Konzept fußt auf sechs Säulen:

Klassische und neue Stücke aus dem Repertoire des  anspruchsvollen Unterhaltungs-Theaters. Das Vorbild Broadway oder Westend wird dabei ganz bewusst immer wieder gesucht, etwa mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ (Regie: Wilfried Minks u.a. mit Hannelore Hoger, 2004) oder „Endstation Sehnsucht“ (Regie: Wilfried Minks u.a. mit Ben Becker, 2007), „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Regie: Horst Königstein mit Monica Bleibtreu und Gustav-Peter Wöhler, 2004) oder „Der Bittere Honig“ (Regie: Peter Zadek mit u.a. mit Eva Mattes und Julia Jentsch, 2006). Das St. Pauli Theater ist so wieder der Ort geworden, in dem - wie im Kino – ohne Scheu vor großen Gefühlen, Geschichten erzählt werden, die das Publikum berühren. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht immer der Schauspieler, zu dem das Publikum durch die Architektur des Hauses eine ganz besondere Nähe haben kann, was – anlog zum Fußball am Millerntor - das besondere St. Pauli-Gefühl ausmacht. Zu diesem Programmteil gehören natürlich auch die Stücke der französischen Autorin Yasmina Reza, der erfolgreichsten Gegenwartsautorin überhaupt, die wie keine zweite komisch und böse sein kann. Die Neufassung von „Kunst“ (mit Ulrich Tukur, Christian Redl und Peter Jordan, 2006) ist weiter im Spielplan, im Winter 2008 kommt ihr neuestes Stück „Der Gott des Gemetzels“ dazu.

Stücke, mit oder ohne Musik, die den besonderen Focus Hamburg haben. Die St. Pauli-Revue „Auf der Reeperbahn“ (u.a. mit Peter Franke und Gerhard Garbers, 2003), die Uraufführung des „Lord von Barmbeck“ (mit Ulrich Tukur, 2005) oder der szenische Kiez-Liederabend „Lust“ von Franz Wittenbrink, der in einer Tabledance-Bar auf St. Pauli spielt (2006), waren erste Teile einer neuen „Hamburger Dramaturgie“. Die Geschichte des Hamburger Rockidols Udo Lindenberg soll 2008 in dieser Reihe folgen, zu der auch Events wie der Abend zur 100-jährigen Geschichte des Restaurants „Cuneo“, an dem Klaus Pohl die Geschichte der Italiener in Hamburg erzählte (2005) oder die Geburtstagsgala von Wolf Biermann (u.a. mit Ulrich Tukur, 2006), dem „vergessenen“ Hamburger gehörten.

Musiktheaterproduktionen, die Texte und Stoffe auf die Bühne bringen, die auch die deutschen Wurzeln dieses Genres verfolgen und sich schon durch die Umsetzung mit Schauspielern von genormten amerikanischen Musical-Produktionen unterscheiden. Die erfolgreichsten Produktionen waren „Die Dreigroschenoper“ (Regie: Ulrich Waller u.a. mit Ulrich Tukur, Christian Redl, Stefanie Stappenbeck, Eva Mattes und Angela Winkler, 2004) mit jetzt knapp 100 Aufführungen immer noch im Repertoire oder „Cabaret“, eine sehr deutsche Geschichte (u.a. mit Gustav Peter Wöhler und Elisabeth Schwarz, 2005), aber auch Wittenbrink-Produktionen wie „Mütter“(2004) oder „Lust“.

Kabarett und Comedy hatten im St. Pauli-Theater schon länger einen Platz. Jetzt ist das Haus Heimat der „Hamburger Kabarettfestivals“ geworden, eines der renommiertesten und ältesten in Deutschland, bei dem sich die Stars dieses Genres wie Mathias Richling, Georg Schramm oder Dieter Nuhr die Klinke in die Hand geben. Mit Horst Schroth, Dirk Bielefeldt und Matthias Deutschmann gibt es regelmäßig Co-Produktionen, die in Hamburg ihre Deutschland-Premieren feiern. Dazu kommen Entertainer und Komödianten wie Hape Kerkeling, Jürgen von der Lippe oder Alfred Biolek.

Neben diesen Gastspielen zeigt das Haus ausgesuchte internationale Musiktheater und Theatergastspiele, die das Konzept des Unterhaltungstheaters ergänzen und bereichern und die eine weltoffene Metropole wie Hamburg mit anderen europäischen Städten verbinden. 

Um den Nachwuchs kümmert sich das St. Pauli Theater auf ganz verschiedenerlei Weise. Zum einen gibt es die lange Tradition der Weihnachtsmärchen (ganze Generationen von alteingesessenen Hamburgern bekamen hier ihren ersten Kontakt mit Theater überhaupt), die in Form und Umsetzung von Götz Loepelmann und Dagmar Leding behutsam modernisiert wurde.

Zum anderen gibt es in Kooperation mit der neu gegründeten Theaterakademie die Reihe „Kiezstürmer“ (erstmalig 2005), bei der junge Regiestudenten mit unserer Hilfe neue Unterhaltungsformate ausprobieren. So kann eine neue Generation von Regisseuren, die sich sonst ausschließlich mit Literaturtheater beschäftigt, an das so schwierige Feld der anspruchsvollen Unterhaltung heranführt werden.

Das St. Pauli Theater will also ganz bewusst kein privates Staats- oder Stadttheater sein mit einem Spielplanangebot, das genauso im Schauspielhaus oder im Thalia gezeigt werden könnte. Die Umgebung, die Nachbarschaft zur Davidwache und der raue Wind der Reeperbahn erzwingen eine bestimmte programmatische Ausrichtung. Die Stücke müssen hier robust sein, populär, ohne auf Populismus zu schielen. Intelligente Unterhaltung auf höchstem Niveau, mit den besten Schauspielern (die sich heute oft nicht mehr fest an ein Theater binden, aber trotz ihrer Film- und Fernseharbeit weiter auf der Bühne spielen wollen), Komikern und Musikern und dazu der programmatische Schwerpunkt Hamburg machen es unverwechselbar in der Hamburger Theaterszene.

Es gibt in Deutschland kein vergleichbares Theater, das dieses Spektrum an verschiedenen Spielformen von intelligenter Unterhaltung beherbergt, in dem die Grenzen zwischen U- und E-Kultur auf so spielerische Weise verschwimmen und in dem es immer wieder gelingt, die, in angelsächsischen Ländern undenkbare, Verachtung der Unterhaltung als Kunst auf so elegante Art zu korrigieren.

Das St. Pauli Theater versteht sich als Lokomotive für den Imagewandel dieses lange Zeit vernachlässigten Stadtteils. Inmitten von Häusern, die hauptsächlich durch den Busbetrieb mit Touristen von außerhalb existieren, begreift es sich als Hamburger Theater für Hamburger, selbstverständlich natürlich auch für auswärtige Gäste. Es versucht bewusst an die große Tradition dieser Theatermeile anzuknüpfen, die bis zur Nazizeit hier existiert hat.

Seine neue Konzeption und eine ganze Reihe von Eigenproduktionen, die in der Presse auch bundesweit sehr viel Aufmerksamkeit fanden, haben das St. Pauli Theater auch überregional schnell bekannt gemacht. Durch viele Gastspiele u.a. mit „Dreigroschenoper“, „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ ,„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Cabaret“ oder „Der Bitterer Honig“, von Liechtenstein bis Berlin, ist es dabei auch zu einem Botschafter Hamburgs geworden.
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